Von Michael Schäfer

Vor hundert Jahren konnten sich nur Begüterte einen Opernbesuch leisten. Die armen Leute draußen auf dem (sächsischen) Lande mußten mit der "Holzoper" vorlieb nehmen: einer Version für Marionetten mit kleiner musikalischer Besetzung - ein Einsparmöglichkeit für den Kuretat, die heute vielleicht wieder aktuell werden könnte?
Das Traditionelle Marionettentheater Dombrowsky aus Meißen brachte am Sonntag Webers Oper "Der Freischütz" in einer Fassung aus dem Jahre 1885 auf die Bühne des Deutschen Theaters. Das Interesse für ein derart skuriles Unternehmen war groß -

kaum ein Platz war freigeblieben. Und in der Tat: was fünf Puppenspieler (den Dombrowskys half das Dresdner Firlefanz-Theater), sechs Vokalsolisten und sieben Instrumentalisten aus einer großen romantischen Oper zu machen vermögen, ist schon eine lustige Sache. Die große Geste schrumpf zum mechanisch Schlenkern, hohes Pathos ist einfach nur noch ulkig.

Musik vom Tonband
Daß die Musik nicht von leibhaftigen Musikern, sondern vom Tonband kam (worauf im Vorfeld nicht ausdrücklich hingewiesen war), raubte dem hölzernen Spektakel allerdings einen Großteil der möglichen Wirkung. Ein Play

back der Puppen im Verein mit sichtbaren Sängerinnen und Sängern müßte eigentlich ziemlich wirkungsvoll sein. Wobei das musikalische Ensemble von der Staatsoperette Dresden nicht glanzvolle, aber durchaus solide Aufnahmearbeit geleistet hatte.
So gerieten die musikalischen Arien und Ensemble etwas blutleer, zumal die traditionellen Marionetten auch nur über wenige Bewegungs-möglichkeiten verfügten. Da hob sich der rechte oder der linke Arm, mal ein kleiner Ausfallschritt - das war's. Genau so, wie es oft auf der "richtigen" Bühne zu erleben ist.
Viel lebendiger gerieten die gesprochenen Dialoge, vor allem dann, wenn sich Fürst Ot

tocar gen Ende mit mächtig rollendem R ins Spiel mischte. Die gereimten Zeilen wurden bisweilen etwas geleiert dekamiert - dies mag allerdings auch 1885 schon zum guten Puppen-Ton gehört haben.

Erschröckliche Fabelwesen
Doch daß die Wolfsschlucht-Szene wirklich das Zentrum dieser Oper ist, das kann wohl nur ein Puppentheater so köstlich verdeutlichen. Gar erschröckliche Fabelwesen querten da die Szene, furchtbare Drachen, unheimliche nächtliche Vögel. Herbeigezaubert hatte sie der böse Samiel, der sein blaues Geisterhaupt rechts vorn im aufklappbaren Gebüsch verbarg, Huch, war das gruselig...

Göttinger Tageblatt
28.01.1997
Geisterhaupt im aufklappbaren Gebüsch
12. Göttinger Figurentheatertage/ Webers "Freischütz" als Marionettenspiel